Sanfte Hundeerziehung Hundeschule + Verhaltenstraining

 

Der folgende Text stammt von Silvia Weber, Hundeschule Best Friends Bochum, Im Brennholt 33, 44805 Bochum
Zur Veröffentlichung dank ihrer freundlichen Genehmigung
:

 

Brustgeschirr statt Halsband

Bereits seit mehreren Jahren arbeiten sowohl einige meiner Kollegen/innen
im gesamten Bundesgebiet, als auch ich, im Hundetraining fast ausschließlich
mit dem Brustgeschirr und nicht mehr, wie in der traditionellen Hundeerziehung üblich,
mit dem Halsband. Leider hört man dazu immer noch vorgefasste Meinungen
wie z.B.: "Mit Brustgeschirr zieht der Hund doch erst richtig an der Leine"
oder auch: "Mit einem Brustgeschirr kann ich einem Hund doch nichts beibringen"
In manchen Hundeschulen ist das Tragen eines Brustgeschirrs gar nicht erst erlaubt.
Diese Auffassungen beruhen immer noch auf der irrigen Annahme man könne einen Hund
nur mit Hilfe des Leinenrucks erziehen. Die moderne Hundeerziehung kommt allerdings
schon lange und auch sehr gut ohne das veraltete Hilfsmittel Leinenruck aus.
Es gibt zahlreiche Gründe auf die Benutzung von Halsbändern, insbesondere von
schmalen Halsbändern, Kettenhalsbändern, oder sogar Stachelhalsbändern zu verzichten.

1. Ein gut sitzendes Brustgeschirr schont die Halswirbelsäule Ihres Hundes.
Sie sollten sich verdeutlichen, dass die Wirbelsäule eines Hundes genauso aufgebaut ist
wie die menschliche Wirbelsäule. Wird im Training mit z.B. einem Kettenhalsband
und mit Leinenruck gearbeitet kann es passieren, dass der vom Halsband ausgehende
Druck genau zwischen 2 Wirbeln abgefangen wird, was je nach Stärke der
Einwirkung bis hin zu Bandscheibenverschiebungen führen kann.
Viele HWS-Erkrankungen bei Hunden finden hier ihren Ursprung.

Stellen Sie sich bitte vor, Sie trügen ein Halsband und jemand würde von hinten kräftig rucken!
Keine angenehme Vorstellung, oder ?!

2. Kehlkopf und Halsmuskulatur bleiben durch das Tragen eines Brustgeschirrs
ebenfalls unbelastet. Das Tragen eines Halsbandes dagegen belastet Beides sehr stark.
Durch den Zug des Halsbandes werden sowohl der Kehlkopf, als auch die oberen
Atemwege beeinträchtigt, Kehlkopfquetschungen sind leider gar nicht so selten.
Die einzige Möglichkeit für den Hund Kehlkopf und Atemwege freizuhalten besteht darin,
die Halsmuskulatur stark anzuspannen und so das Halsband durch die Muskulatur
von diesen Organen fernzuhalten. Klinische Studien haben ergeben, dass die dadurch
entstehenden Verspannungen in der Halswirbelsäule zu der gleichen Symptomatik
wie beim Menschen führen: Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Schmerzen in der
Wirbelsäule oder ähnliches. Im Gegensatz zu uns kann der Hund sich jedoch
nicht mitteilen, er kann uns nicht sagen: „Heute ist mir schwindelig und
ich habe Kopfweh.“ Dieses beständige Unwohlsein und die andauernden Schmerzen
sind oft für aggressives Verhalten verantwortlich.

3. Der Hals als soziales Organ des Hundes sollte vor unnötigen Einwirkungen
geschützt werden. Der Hals spielt in der taktilen Kommunikation der Hunde eine
wesentliche Rolle: Berührungen an der Oberseite des Halses drücken in der
Hundesprache Dominanz aus. Berührungen an der Unterseite des Halses
dagegen Subdominanz/Unterwerfung. Die Seitenpartien des Halses sind nur ganz
guten Freunden vorbehalten (Pflegeverhalten). Der Hals ist auch bei uns Menschen
eine sehr empfindliche Körperpartie und Berührungen am Hals sind etwas sehr intimes.
Denken Sie nur an den Ausspruch: Bleib mir bloß vom Hals." Trägt der Hund
ein Halsband stumpft die Empfindsamkeit für diese Signale ab, da der Hund
raktisch ständig irgendwo am Hals Impulse erhält. Vielleicht erklärt dies auch die oftmals
entsetzte Reaktion eines Welpen, der zum ersten mal ein Halsband umgelegt bekommt.

4. Diesen, recht unangenehmen Auswirkungen durch das Tragen eines Halsbandes,
versucht der Hund sich oftmals zu entziehen. Wodurch versucht er das?
Durch Flucht nach vorn und so entsteht das Ziehen an der Leine. Viele Menschen
versuchen nun dem Hund durch Leinenruck dieses Ziehen abzugewöhnen.
Der unangenehme Leinenruck wird vom Hund, da er einen Impuls an der Halsunterseite
bekommt, als plötzlicher Angriff angesehen und löst so eine erneute Fluchtreaktion aus.
Häufig gibt es aus diesem Kreislauf kein Entkommen mehr. Durch das Tragen eines
Brustgeschirrs wird dieser unangenehme Druck vom Hals des Hundes genommen.
Bei ca. 20% der Fälle gibt sich das Ziehen durch das Tragen eines Brustgeschirrs v
on ganz allein, mit dem entsprechenden Programm zur Leinenführigkeit ist dem Hund
das Ziehen an der Leine auch ohne Leinenruck abzugewöhnen.

5. Das Tragen eines Brustgeschirrs birgt noch weitere Vorteile. Durch den auf dem
Rücken liegenden Steg können Sie den Hund viel besser und schneller festhalten.
Dieser Griff ist, besonders bei langhaarigen Hunden viel besser zu erreichen als
in Halsband das irgendwo im dichten Fell liegt. Für den Hund ist das Halten am
Rückensteg ebenfalls viel angenehmer. Verletzungen an der Hand des Hundehalters
durch einen sich im Halsband windenden Hund werden vermieden.
Beim Kauf und Anpassen eines Brustgeschirrs sollten folgende Dinge beachtet werden:
A. Es sollte aus weichem, leichten Material sein, das sich dem Körper anschmiegt.
    Das Material und auch die Vernähungen dürfen nicht einschneiden.
    Nylongeschirre haben sich besser bewährt als Ledergeschirre.
B. Das Material sollte waschbar sein
C. Die Verschlüsse sollten haltbar, strapazierfähig und der Körperform angepasst sein (abgerundet)
D. Der Rückensteg sollte fest vernäht sein, damit er beim Laufen nicht hin und her rutscht.

E. Das Geschirr sollte von 2 Seiten zu öffnen sein, damit der Hund nicht mit der
    Pfote "einsteigen" muß. Dies kann bei Verletzungen, oder alten Hunden zum Problem werden.
F. Der Rücken- und der Bauchsteg sollten lang genug gearbeitet sein. Besonders wichtig
    ist in diesem Zusammenhang die Verstellbarkeit des Bauchsteges. Ist er zu kurz,
    kommen die Seitenteile zu nah hinter den Ellbogen hoch und können dort scheuern.
    Optimal sitzt das Geschirr, wenn zwischen Ellbogen und Seitenteilen etwa eine Handbreit
    Platz ist.
G. Die Breite der Gurte sollte dem Gewicht des Hundes angepasst sein.
H. Manche Hunde, die das Tragen eines Brustgeschirrs noch nicht gewohnt sind,
    knabbern gern an den Stoffgurten herum. Deshalb den Hund besonders in der
    Gewöhungsphase nicht mit dem angelegten Geschirr allein lassen und es
    immer nur unmittelbar vor dem Spaziergang anlegen und sofort nach
    Beendigung des Spazierganges wider abnehmen.

 

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